Manchmal erzählen wir im Kung-Fu-Unterricht eine Geschichte, um eine tiefe Wahrheit oder einen Grundsatz zu erklären.  Die folgende Fabel erzählen sich bereits Generationen von Kampfkünstlern, es heißt sie stammt aus China und hat sich wirklich so zugetragen:

Der Meister und sein Schüler wandeln unter den Blüten des Pflaumenhains in dem sorgsam angelegten Garten. „Meister,“ fragt der Schüler „warum lehrst du uns den Kampf, wo doch die Weisen davon sprechen, den inneren Frieden zu erlangen und Gewaltlosigkeit preisen. Wäre es nicht ein friedvollerer Zeitvertreib, und dem inneren Frieden zuträglicher, wenn wir einen Garten anlegen würden?“

„Mein Schüler, “antwortet der Meister „ist es nicht besser, ein Krieger in einem Garten zu sein als ein Gärtner in einem Krieg? Ich lehre euch die Kunst des Kampfes, damit ihr den Frieden auch in unruhigen Zeiten erhalten könnt.“

Ein Krieger kann sicherlich auch in Friedenszeiten seinen Garten bestellen und im Frühjahr die Pflaumenblüte genießen.  Darüber hinaus ist ein Krieger durch seine Ausbildung vorbereitet auf schlechte Zeiten, auf Konflikte, auf den Kampf. Das ist der Gärtner wahrscheinlich nicht.

Die Geschichte vom Krieger im Garten macht einen wichtigen Grundsatz der Kampfkunst fassbar. Wir lernen kämpfen, um nicht kämpfen zu müssen.

Wir leben heute (in Europa) in einer Welt in der die körperliche Auseinandersetzung als negativ angesehen wird und grundsätzlich zu vermeiden ist. Das ein vermiedener Kampf ein gewonnener Kampf ist, hört auch jeder Kung-Fu-Schüler regelmäßig – und der Meister und sein Schüler aus der Geschichte sind sicherlich derselben Ansicht.

Jedoch gibt es Situationen, in denen uns ein Kampf aufgezwungen wird, in denen wir vor der Wahl stehen, entweder den anderen zu verletzen oder selbst Schaden davonzutragen. Man kann sich mit verschiedenen Mitteln auf solche Extremsituationen vorbereiten – ein einmaliges Training in Gewaltprävention, ein Selbstverteidigungskurs, Fachliteratur, regelmäßiger Kampfkunst-Unterricht.

In den meisten Kursen wird man lernen, dass es Möglichkeiten gibt, einen Kampf abzuwenden, sei es durch De-Eskalation oder durch entschlossenes Auftreten; vielleicht reicht sogar eine Körpersprache, die Selbstsicherheit ausstrahlt, um Konflikte gar nicht erst aufkommen zu lassen. Doch wie entschlossen können wir auftreten, wenn wir die Kunst der körperlichen Selbstverteidigung (also des Kampfes) nie erlernt haben?

Kampfkünstler vermeiden oft gerade dadurch den Kampf, dass wir als letztes Mittel willens und bereit sind, zu kämpfen. Jemand der in der Kunst des Krieges unterwiesen wurde – von seinem Meister im friedlichen Garten oder in einer modernen Kung-Fu-Schule – strahlt eine Sicherheit und eine Bereitschaft aus sich zu verteidigen, die einen Aggressor öfter zum Rückzug bringt.

Darum geben wir unseren Schülern alle nötigen Mittel, um sich zu verteidigen: Non-verbal, verbal und körperlich. Denn wir glauben, wer kämpfen kann und (immer nur als letztes Mittel!) dazu bereit ist, wird auch in der Gewaltprävention erfolgreicher sein.

Unsere Schüler sind so wichtig und wertvoll, dass wir eines niemals tun wollen – sie als Gärtner in den Krieg ziehen lassen.